Ertrunken im Stein
Sie ist beschäftigt, sie zieht, fliesst, ist in Bewegung und steht gleichzeitig still. Die Aare inspiriert unsere Literatur-Kolumnistin im anbrechenden Frühling zu einem Gedicht.
Über den Verlauf deiner Strömung entscheidet die Insel aus Stein. Ihr Gewicht geht in dich über, stösst sich durch dich hindurch. Oder du entscheidest über deinen Verlauf, lehnst dich dem Gewicht der Insel entgegen, widerstehst.
Die Farben hinterlassen in dir keine Spur. Du bist grün, aber es ist das Moos, das auf der Steigung am Ufer liegt. Weiss, aber es sind die Steine am Grund, gewaschen und nackt. Den Himmel trägst du in unbewegten Flächen den auslaufenden Kreisen der Insel entlang.
Über dir zieht eine Meise zwei Laute durch die Luft. Oder es ist ein Laut, dessen Beginn sich in der Tonhöhe von seinem Ende unterscheidet. Eine zweite Meise fällt zitternd in den Ruf der ersten ein. Sie verschiebt seinen Schwerpunkt, bildet Synkopen.
Du gehst einer Arbeit nach, die weder endet noch beginnt. Bist beschäftigt in Gesprächen mit Himmel und Stein. Sie falten sich an dir aus. Doch säumt zwischen den Wirbeln eine Ruhe das Ufer ein. Du stehst still.
Die Bäume tragen die Farbe von dir ab. Als Schatten legen ihre Stämme übereinandergelegte Blatthälften frei. Sie liegen am Grund, ertrunken im Stein.
Selma Imhof (28) lebt und schreibt in Bern. Aktuell arbeitet sie an ihrem literarischen Debut «Wasser, Taube», das von Stadt und Kanton Bern gefördert wird. Für die «Hauptstadt» schreibt sie einmal im Monat eine literarische Kolumne zur Aare.