Burgergemeinde Spezial

Die rot-grüne Burgergemeinde

Ein statistischer Überblick über die Burger*innen in der Berner Politik zeigt: Sie sind mehrheitlich in linken Parteien. Wo bekleiden Burger*innen sonst noch einflussreiche Positionen?

Impressionen einer Kundgebung vor der Direktion des Bundesamts fuer Zoll und Grenzsicherheit BAZG anlaesslich der Klima-Aktionstage zum Thema «Break down Climate Walls» fotografiert am Montag 07. November 2022 in Bern. (liveit.ch / Manuel Lopez)
Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) ist einer von 15 Berner Politiker*innen, die zur Burgergemeinde gehören. (Bild: Manuel Lopez)

Wie gross ist der Einfluss der Burgergemeinde in der Politik? Welchen Parteien gehören Burgerpolitiker*innen an? Und was für einflussreiche Positionen bekleiden Burger*innen sonst noch?

Die «Hauptstadt» hat alle Berner Politiker*innen auf den Ebenen Stadt, Kanton und Bund auf ihre Mitgliedschaft in der Berner Burgergemeinde hin überprüft.

Das Burgerbuch

Es ist einfach herauszufinden, wer Mitglied in der Burgergemeinde Bern ist: Mit dem Burgerbuch besteht ein öffentlich zugängliches Verzeichnis aller Burger*innen. Die erste Auflage erschien 1848, seither wird es etwa alle fünf Jahre aktualisiert. Die neueste Ausgabe, wie immer herausgegeben vom Stämpfli Verlag, ist von 2020. Das Verzeichnis führt die jetzt lebenden burgerlichen Familien alphabetisch auf. Im fast tausendseitigen Werk sind die Namen der Burger*innen mit Zusatzinformationen wie Jahrgang, Beruf, Herkunftsort und Zunft versehen. Zu lesen ist auch, wer sich wann verheiratet – genannt «copuliert» – und geschieden hat. Eine Garantie für Vollständigkeit bietet das Buch aber nicht: Vermerkte Personen können auch die Löschung ihrer Daten verlangen.

Und so sieht das politische Netzwerk der Burgergemeinde aus: 

15 Politiker*innen und eine Stadtregierung in Burgerhand

Zu den Berner Politiker*innen wurden insgesamt 279 Personen aus den folgenden Legislativ- und Exekutiv-Gremien gezählt:

  • Berner Stadtrat (80 Mitglieder)
  • Berner Gemeinderat (5 Mitglieder)
  • Grosser Rat (160 Mitglieder)
  • Regierungsrat (7 Mitglieder)
  • National- und Ständerat (26 Berner Mitglieder)
  • Bundesrat (1 Berner Mitglied)

Aktuell sind darunter 15 Mitglieder der Burgergemeinde. Das ist ein Anteil von etwa fünf Prozent.

Es sind:

  • Im Stadtrat: Laura Binz (SP), Thomas Hofstetter (FDP) und Bettina Stüssi (SP)
  • Im Gemeinderat: Alec von Graffenried (GFL, Stadtpräsident), Michael Aebersold (SP)
  • Im Grossen Rat: Nicola von Greyerz (SP), Hervé Gullotti (SP), Philip Kohli (Mitte), Stephan Lack (FDP, daneben Gemeindepräsident von Muri), Maxime Ochsenbein (SVP), Anna de Quervain (Grüne), Moussia von Wattenwyl (Grüne), Manuel C. Widmer (Grüne)
  • Im National- und Ständerat: Lorenz Hess (Mitte, daneben Gemeindepräsident von Stettlen), Nadine Masshardt (SP)

Es gibt auf dieser Liste einen Doppel-Parlamentarier: Thomas Hofstetter sitzt sowohl im Stadtrat als auch im Grossen Burgerrat, dem Parlament der Burgergemeinde.

Am prägendsten ist die Burgergemeinde nach dieser Auswertung in der Berner Stadtregierung: Der Gemeinderat hat fünf Mitglieder, zwei davon sind Burger, wovon einer Stadtpräsident Alec von Graffenried ist.

Dass Burger*innen Teil des Gemeinderats sind, ist allerdings nicht die Regel: Der letzte Burger vor Aebersold und von Graffenried war Stephan Hügli (FDP). Er holte seinen Sitz 2006 in einer Ersatzwahl, verlor ihn aber zwei Jahre später wieder.

Mit Alec von Graffenried wurde 2017 zum ersten Mal seit 1937 ein Bernburger Stadtpräsident.

Patriziergeschlecht von Graffenried

Die von Graffenried sind laut dem Historischen Lexikon der Schweiz ein «heute noch blühendes, ehemals patrizisches» sowie «eines der führenden und zahlenmässig grössten Geschlechter Berns». Es teilt sich in mehrere Zweige, weshalb nicht alle von Graffenried direkt miteinander verwandt sind. Im Alten Bern stellten die von Graffenried vier Schultheisse, wie die Stadtoberhäupter damals hiessen.

Bis heute existiert die sogenannte Familienkiste von Graffenried, ein Verein zur Förderung des Familienzusammenhalts und Unterstützung sich in finanzieller Not befindlicher Mitglieder. Die Kiste dokumentiert die Familiengeschichte und hält die Familiendevise fest: «Tue Recht, scheue niemanden».

Alec von Graffenried ging in jungen Jahren auf Distanz zu seiner burgerlichen Herkunft und liess vorübergehend das «von» in seinem Namen weg, wie er mehrfach öffentlich festhielt. Er betonte auch, dass seine burgerliche Prägung nicht sehr stark gewesen sei, weder finanziell noch gesellschaftlich. Sein Vater, der Burger war, starb, als Alec von Graffenried erst 9-jährig war.

Inside Burgergemeinde

Man kann Bern nicht verstehen, wenn man die Rolle der Burgergemeinde nicht versteht. Mit ihren 18’000 Mitgliedern ist sie eine der grössten und wohlhabendsten Burgergemeinden der Schweiz, die ein Drittel des städtischen Bodens besitzt. Und das ausgerechnet in der linken Stadt Bern, der sie jedoch als grosszügige Kulturmäzenin beisteht. Wie entstand die Burgergemeinde und wie wurde sie reich? Wie funktioniert sie? Wie viel Macht übt sie aus? Und: Was wäre Bern ohne die Burgergemeinde?

Diese Fragen arbeitet die «Hauptstadt» in den nächsten Wochen aus diversen Blickwinkeln in einem mehrteiligen Schwerpunkt auf. Zudem hast du Gelegenheit, am «Hauptsachen»-Talk von heute Abend, 7. November, im Progr (19.30 Uhr) live über die Burgergemeinde mitzudiskutieren – mit Burgerrats-Präsident Bruno Wild und SP-Stadtrat Halua Pinto de Magalhães, der die Burgergemeinde in Frage stellt.

Politische Interventionen der Burgergemeinde: Einzelfall Baldachin

Zu politischen Fragen bezieht die Burgermeinde eigentlich nie öffentlich Position. Doch es gab eine Ausnahme, in der auch Alec von Graffenried unfreiwillig eine Rolle spielte. 

2005 trat die Burgergemeinde gegen den Bau der Baldachin-Glasüberdachung des Bahnhofplatzes an. Vor der Volksabstimmung hing ein kämpferisches Plakat gegen den «städtebaulichen Unsinn» an der Fassade des Burgerspittels. Zudem warben die Burger*innen mit einem Versand an alle Stimmberechtigten für ein Nein. 

Sie sahen mit dem Glasdach und der neuen Verkehrsführung ihr Eigentum – das heutige Generationenhaus – beeinträchtigt.

Das Volk stimmte dem Baldachin jedoch mit grosser Mehrheit zu. Trotzdem gab es danach denkmalschützerischen Einspruch gegen das Baugesuch für das Glasdach. Und ausgerechnet der damalige Regierungsstatthalter Alec von Graffenried verweigerte dem demokratisch bewilligten Projekt die Baubewilligung. Das sorgte für heftige Diskussionen in der Öffentlichkeit. Der Vorwurf: Burger von Graffenried beugt den Willen des Souveräns im Sinn der Burgergemeinde!

Schliesslich hob der Kanton den Entscheid des Regierungsstatthalters auf. 2006 wurde der Baldachin gebaut. 

Aebersold & Aebersold

Seltenheitswert hat auch die Position des zweiten Burgers in der Stadtregierung: Gemeinderat Michael Aebersold (SP). 

Als er 2016 in den Gemeinderat gewählt wurde, legte er alle ehrenamtlichen Engagements für die Burgergemeinde ab. Er wurde Finanzdirektor und damit auch für die städtische Boden- und Liegenschaftspolitik zuständig.

Sein älterer Bruder, der Rechtsanwalt Thomas Aebersold, ist unter anderem Präsident der Migros Aare. Daneben sitzt er ehrenamtlich im Kleinen Burgerrat sowie der Forst- und Feldkommission der Burgergemeinde vor. Also derjenigen Kommission, die für die burgerliche Bodenpolitik besorgt ist. Die Burgergemeinde ist die grösste Bodenbesitzerin der Stadt Bern. 

Michael Aebersold fotografiert am 31.01.2023 in Bern. (liveit.ch / Manuel Lopez )
Michael Aebersold ist für die städtische Bodenpolitik zuständig. Sein Bruder Thomas für die burgerliche. (Bild: Manuel Lopez)

Burgerlicher Filz?

In einem Doppelinterview mit dem Bund betonten die Gebrüder Aebersold 2019, dass ihre persönliche Macht klein sei. Sie seien sowohl bei der Einwohner- wie bei der Burgergemeinde politischer Kontrolle unterworfen und könnten nicht einfach Deals einfädeln.  

Und sonst: einige Doppelrollen

In allen Parlamenten auf der Ebene Stadt, Kanton und Bund ist die Burgergemeinde mit einigen Mitgliedern vertreten. Hier fällt auf, dass auch Gemeinden in der Umgebung von Bern von Burger*innen regiert werden: So ist etwa Grossrat Stephan Lack (FDP) gleichzeitig Gemeindepräsident von Muri. Und Mitte-Nationalrat Lorenz Hess ist nicht nur Verwaltungsratspräsident der Krankenkasse Visana, sondern auch langjähriger Gemeindepräsident von Stettlen. Das kommunale Amt gibt er allerdings Ende Jahr ab.

Die «Hauptstadt» hat ausser der Stadt Bern allerdings keine weiteren Gemeinden systematisch auf Burgerpolitiker*innen hin überprüft. 

Im Regierungsrat und im Bundesrat sitzen aktuell keine Burger*innen. 

Burgerliche Wahlempfehlung

Es ist Usus der Burgergemeinde, vor Wahlen in einem Schreiben an alle in Bern wohnhaften Burger*innen diejenigen Kandidat*innen zu empfehlen, die der Burgergemeinde angehören. Natürlich geschah das auch im Vorfeld der nationalen Wahlen vom 22. Oktober. 

«Für die Burgergemeinde Bern ist es wichtig, im nationalen Parlament Burgerinnen und Burger zu wissen», stand im Brief, der der «Hauptstadt» vorliegt. Das Parlament behandle für die Burgergemeinde relevante Themen wie das Heimat- und Bürgerrecht oder die Wald- und Bodenpolitik. «Es ist demnach wünschenswert, dass im nationalen Parlament Burgerinnen und Burger vertreten sind, die die Burgergemeinden kennen und aus dieser Sicht die Auswirkungen der Gesetzgebung einschätzen können.»

Unter den Kandidat*innen fanden sich nebst den Wiedergewählten Lorenz Hess und Nadine Masshardt weitere prominente Namen: Etwa SP-Mann und Ex-Moderator Ueli Schmezer, der grosse Chancen auf einen Nationalratssitz hatte und nun auf den ersten Ersatzplatz kam. Falls Matthias Aebischer am 13. Dezember Bundesrat wird oder in einem Jahr als Nachfolger des abtretenden Michael Aebersold in den Gemeinderat gewählt wird, könnte Schmezer nachrücken.

Zu den Politiker*innen, die gleichzeitig Burger*innen sind, gehört auch Tobias Frehner, Präsident der kantonalen Jungfreisinnigen. Oder die grüne Grossrätin Anna de Quervain, der Mitte-Grossrat und ehemalige Stadtratspräsident Philip Kohli sowie seine Mutter Vania Kohli, auch sie ehemalige Grossrätin und ehemalige Stadtratspräsidentin.

Entgegen dem Klischee: Links statt bürgerlich

Die amtierenden Burgerpolitiker*innen gehören folgenden Parteien an:

Damit zeigt sich: Eine Mehrheit der aktuellen Burgerpolitiker*innen gehört zum linken Lager. Am besten vertreten ist die SP mit sechs Vertreter*innen. Hinzu kommen drei Grüne und ein Mitglied der Grünen Freien Liste (GFL), womit zehn der fünfzehn Politiker*innen linken Parteien angehören.

Die Mitte und die FDP sind mit je zwei Personen vertreten, der Grossrat Maxime Ochsenbein ist der einzige Burgerpolitiker aus der SVP. 

Die Situation in der Berner Politik widerspricht dem vorherrschenden Bild der Burgergemeinde als bürgerlich-konservative Vereinigung. Eine interessante Doppelrolle spielt die SP: Sie ist die Partei mit den meisten Burger-Politiker*innen.

Stephan Lack, FDP Kandidat Gemeindepräsidium Muri bei Bern, für hauptstadt.be am 22.11.2022
Stephan Lack (FDP) ist als bürgerlicher Burgerpolitiker in der Unterzahl. (Bild: Daniel Bürgin)

Gleichzeitig stammt der hängige Stadtratsvorstoss, mit dem Halua Pinto de Magalhães eine Strategie für die Vereinigung von Einwohner- und Burgergemeinde verlangt, von derselben Partei. Man kann gespannt sein, wie sich SP-Politiker*innen zu diesem Thema äussern werden. Es ist für die Sitzung vom 16. November traktandiert.

Männer in Überzahl

Von den 15 Burgerpolitiker*innen sind zehn Männer und fünf Frauen. 

In Parlament und Regierung der Burgergemeinde selbst sitzen bedeutend mehr Männer als Frauen: Im Grossen Burgerrat sind es dreissig Männer und elf Frauen, im Kleinen Burgerrat zehn Männer und drei Frauen. 

Die 279 Berner Politiker*innen sind zu rund 45 Prozent Frauen. Der Anteil ist damit um einiges höher als in den Gremien der Burgergemeinde.

Verbindungen in die Wirtschaft: Von Berner Zeitung bis Handelsverein

Logischerweise bekleiden Burger*innen nicht nur politische Ämter, sondern mitunter auch einflussreiche Positionen in der Wirtschaft. 

Die Überfigur des Unternehmers mit Patriziergeschlecht war der 2012 verstorbene Anwalt Charles von Graffenried. Er baute aus dem kleinen Notariat seines Vaters die heutige Von Graffenried Gruppe auf, eine der grössten Immobilienverwalterinnen im Grossraum Bern. Sie führt auch eine eigene Bank und bietet Treuhanddienstleistungen und Rechtsberatungen an.

Von Graffenried war zwar ein bernburgerlich diskreter, aber auch unkonventioneller und gewinnorientierter Unternehmer, der nicht viel von äusserlicher Etikette hielt. Er trat notfalls auch mal mit einer notdürftig geflickten Brille auf.

Und er mischte Bern als Zeitungsverleger auf. 

1979 gründete er die Berner Zeitung, die er auf Wachstum trimmte. Er installierte den ambitionierten Recherche-Journalisten Urs P. Gasche als Chefredaktor. Dieser steuerte während drei Jahren einen Linkskurs, der das bürgerliche Bern inklusive Burgergemeinde aufwühlte, ehe ihn von Graffenried auf Druck von aussen abberief.

Charles von Graffenried steuerte den Verlag bis 2007, dann verkaufte er ihn mit den Zeitungen Bund und Berner Zeitung an Tamedia. Wegen seiner Profitorientierung wurde er in der Berner Öffentlichkeit oft kritisiert, auch als Burger, obschon er in der Burgergemeinde keine Funktion hatte. An der Fasnacht erhielt von Graffenried das Prädikat «Shark von Raffgier». Als er einst in der Reitschule ein Theaterstück einer seiner Töchter anschaute, drückten ihm Punks eine Rahmtorte ins Gesicht. Es beeindruckte ihn nicht sonderlich.

Eine moderne, unverkrampfte Interpretation der Verbindung von Unternehmertum, ehrenamtlichem burgerlichem Engagement und öffentlicher Rolle praktiziert aktuell Giorgio Albisetti. 

Er ist Leiter Immobilien, Family Office und Kompetenzzentrum Stiftungen bei der Von Graffenried Gruppe. Zudem präsidiert er die Sektion Bern des Handels- und Industrievereins (HIV), der neuerdings in Verkehrsfragen konstruktiv politisiert und mit dem Verkehrsclub der Schweiz (VCS) kooperiert.

Als Burger sitzt Giorgio Albisetti der Gesellschaft zu Pfistern vor, der grössten der 13 Berner Zünfte, deren Mitglieder automatisch Burger*innen sind. Zugleich sitzt er im Grossen Burgerrat, dem burgerlichen Parlament. Sozial engagiert sich Giorgio Albisetti beim Haus der Religionen sowie als Präsident der Stiftung Rossfeld, dem Führungsgremium des Schulungs- und Wohnheims für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung. 

---

Die Artikelserie zur Burgergemeinde wurde mit Unterstützung von JournaFONDS recherchiert und umgesetzt.

Journafonds Logo
(Bild: zvg)
tracking pixel

Das könnte dich auch interessieren