Den inneren Vogel fliegen lassen
«So wie ich jetzt gerade vor euch stehe, habe ich eine scheiss Angst», sagt Benjamin Spinnler in «Body of Fear». Das Theaterstück thematisiert den Umgang mit Angst und überrascht mit Humor.
Was stellt man sich vor unter einem als «Forschungsprojekt» beschriebenen Stück, das «experimentelle Sounds» und den «Körper als Speicher für Furcht» zeigt? Eine Performance, bei der sich das Publikum vor Lachen nicht mehr einkriegt, gehört sicher nicht zu den ersten Assoziationen.
Die Zürcher Produktion «Body of Fear», die aktuell im Berner Schlachthaus Theater gezeigt wird, schafft aber genau das und noch mehr. Im gelungenen Stück unter der Co-Regie von Michael Finger kombiniert die Gruppe «Les mémoires d’Helène» gekonnt tragische mit lustigen Elementen und zeigt das Leben in all seinen Facetten.
Liebeskummer in Mexiko
Die Figuren in «Body of Fear» könnten einem Roman von Sibylle Berg entsprungen sein: Konfrontiert mit Problemen, die sie nicht wirklich zu lösen wissen, machen sie einfach mal etwas.
Etwa während der Midlife-Crisis zum Lover nach Mexiko auswandern, um dort eine Familie zu gründen. So macht es Momo, gespielt von Martina Momo Kunz. Bloss um dort das Herz gebrochen zu bekommen und noch tiefer in die Krise abzuwandern.
«We made love like gods», sagt Momo, am Tiefpunkt angelangt – vom Ex auf die Strasse gestellt. Kurz darauf setzt sie eine Champagnerflasche an und singt im Anschluss an einen Riesen-Rülpser eine Oper. Im Hintergrund wacht ein riesiges Tier-Skelett, das wie das restliche Bühnenbild (Szenografie: Stefan Tănase und Stefanie Steffen) einen eher schaurigen Eindruck erweckt und dem Ganzen einen skurrilen Touch gibt.
Alle Menschen auf der Bühne stellen sich wie Momo mit echtem oder mit Spitznamen vor: Claudia Popovici, Benjamin Spinnler und Sofia Zambrano (Performance), Jonas Häni (Sound Design) und Max Quiñones Santander (Live-Musik). Jonas, der zuvor schweigend am Dj-Pult stand, sagt während einer kollektiven Vorstellungsrunde: «I bi eigentlich dr Tönler». Und Max, der kurz vor seinem Statement noch Geige spielte, meint «I mache nume Musig». Die anderen klatschen, während sich die beiden aus der Komfortzone hinausbewegen und ab dann auch mitspielen.
«Earthquake Salsa»
Das Stück zeigt: Wie wir mit Angst umgehen, ist sehr individuell. Gegenseitige Unterstützung kann uns dabei aber mit anderen verbinden. In «Body of Fear» wird sich immer wieder umarmt, zugehört und aufgebaut. Vor allem aber wird zusammen gelacht. Anlass dafür ist massgeblich die Figur von Benjamin Spinnler: Ein Spiritueller auf der Suche nach der «Frequenz der Seele». Er animiert das Publikum dazu, es ihm gleich zu tun. «Jeder von euch hat einen inneren Vogel», erklärt er. Es gehe darum, diesen fliegen zu lassen.
Immer wieder fliessen Anglizismen in Spinnlers stereotype Darstellung eines Menschen, der vor allem so tut, als könne er mit seinen Ängsten wirklich umgehen. Als die Figur behauptet, mit dem «Earthquake Salsa» liessen sich durch Mikro-Beckenboden-Erschütterungen grosse Veränderungen auf der Makroebene erwirken, kann sich das Publikum nicht mehr halten vor Lachen. Es bekommt dazu auch im Rest des Stücks noch viele Gelegenheiten.
Ehrlich bis absurd
Es wird geklettert (auch durch die Publikums-Reihen), getwerkt und jongliert. Akrobatik und Comedy-Elemente durchziehen das Stück genauso wie ernste Inhalte. So tritt die Angst auch mal personifiziert auf: «I am a liar, I am lonely, and I try to control», sagt Kunz mit Clown-Schminke im Gesicht.
Und wo man beim Umgang mit Ängsten an systemische Grenzen stösst, zeigt die Figur von Claudia Popovici, die immer wieder mit strukturellem Rassismus konfrontiert ist. Sie kommt erst nach jahrelangem Konflikt mit den Behörden am Ziel an. «Ich habs endlich ins System geschafft», sagt sie dann.
Selbstironisch werden grosse Ängste kontrastiert mit bünzligen Besorgnissen der Schweizer*innen: Pünktlichkeit, Ordentlichkeit.
«Body of Fear» bietet viel – nicht zuletzt eine willkommene Lockerheit in der hektischen und stressigen Weihnachtszeit. Und wer die Aufführung am Silvester-Abend besucht, kann Momos musikalische Künste darüber hinaus geniessen: Ihre Band «I never took my Ritalin» spielt im Anschluss an die Aufführung ein Konzert an der Jahresabschluss-Party des Schlachthaus Theaters.
Hinweis: Die Silvestervorstellung ist bereits ausverkauft. Restkarten für die Silvesterparty gibt es an der Abendkasse.
Weitere Vorstellungen: So, 29.12., Mo, 31.12., 20.00 Uhr, Schlachthaus Theater.