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Wie zügelt man eine Garage, Herr Bizzozero?

Die Autogarage Bizzozero ist seit fast 100 Jahren in der Berner Länggasse daheim. Jetzt gibt sie ihren Standort auf und richtet im Fischermätteli mit grosser Kelle an.

Garage Bizzozero fotografiert am Donnerstag, 4. Dezember 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Jana Leu)
Gibt den Standort in der Länggasse auf, um im Fischermätteli das Glück zu suchen: Marco Bizzozero. (Bild: Jana Leu)

2026 wird kein Jahr wie jedes andere für Marco Bizzozero. Für ihn steht einiges auf dem Spiel. Alles, was seine Vorfahren in Jahrzehnten aufgebaut haben, wird der Geschäftsführer der gleichnamigen Garage hinter sich lassen. Adieu Länggasse, Grüessech Fischermätteli, heisst es ab April für die rund 30 Beschäftigten. Die VW-Garage zügelt mit Sack und Pack – und schlägt nicht nur ein neues Kapitel in der Familiengeschichte auf, sondern läutet auch eine unternehmerische Wende ein: Weg vom Verbrenner, hin zu mehr Elektro. Über zwei Millionen Franken werden Umzug und Neubau gekostet haben. Doch der Reihe nach.

1924 machte sich Massimo Bizzozero – Marcos Urgrossvater – mit einer Velo- und Töffgarage selbstständig. Erst am Genossenweg und dann an der Länggassstrasse, wo der markante Eckbau der Garage über die Jahrzehnte zu einem Teil des städtischen Inventars geworden ist. Auf dem Weg in den Bremgartenwald oder ins Neufeld rückt die Garage fast automatisch in den Blick.

Garagen müssen Alleskönner sein

Es ist aber genau diese zentrale Lage, die sich unterdessen als Nachteil entpuppt. «Ein Erweiterungsbau ist hier nicht möglich», erklärt Marco Bizzozero. Doch der ist für die Garage überlebenswichtig: Will der letzte unabhängige VW-Händler in Bern überleben, muss er «alles können», so Bizzozero. Sprich: Alle Reparaturen durchführen, über eine komplexe Hebebühne verfügen und Schmutzwasser nach neuen Standards aufbereiten können.

Garage Bizzozero fotografiert am Donnerstag, 4. Dezember 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Jana Leu)
Der ikonische Bau am Kreisel befindet sich am Eingang der Länggasse. (Bild: Jana Leu)

Und dann wäre da noch die Platzfrage ums Haus: Wenn Kund*innen aktuell ein Auto zum Service bringen möchten, muss erst einmal ein Parkplatz frei sein. Zudem drohen bei der Ein-und Ausfahrt Konflikte mit dem ÖV. Immerhin führt eine Postautolinie direkt vor dem Geschäft entlang. 

Wir treffen Bizzozero an einem Dezembertag in seinem Büro in der Länggasse, gleich neben dem Werkstattbereich. Um zum Tisch zu gelangen, müssen wir uns erst an einem SUV vorbeischieben, so eng ist es. Bizzozero wirkt besonnen und wählt seine Worte sorgfältig – wer einen exzentrischen Autohändler mit Benzin im Blut sucht, wird hier enttäuscht. Bizzozero erinnert mehr an einen Kapitän, der auch bei Windstärke 10 unbeirrt am Steuerrad festhält.

Die begrenzten Platzverhältnisse existieren für die Garage nicht erst seit gestern. Seit rund zwölf Jahren ist Bizzozero auf der Suche nach einem neuen Standort. Warum es derart lange dauerte, liegt an präzisen Anforderungen, die Bizzozero stellt.  «Wir sind auf einen Standort westlich von Berns Zentrum angewiesen, da der Osten bereits durch die Amag abgedeckt wird. Ausserdem brauchen wir eine gute ÖV-Anbindung, Parkplätze und Platz». Er prüfte über die Jahre viele Liegenschaften – erst im Fischermätteli wurde er auf dem Gelände des Logistikunternehmens Derendinger fündig. Den Kontakt hatte die Berner Wirtschaftsförderung hergestellt.

VW im Fischermätteli 

Der neue Standort befindet sich unweit der stillgelegten Bahnstation Fischermätteli, auf einem Areal zwischen Könizbergwald und der S-Bahn-Linie nach Köniz-Schwarzenburg. Ein Abstieg gegenüber der pulsierenden Länggasse?

Garage Bizzozero fotografiert am Donnerstag, 4. Dezember 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Jana Leu)
Am neuen Standort im Fischermätteli wartet auf Bizzozero viel Platz, der gefüllt werden möchte. (Bild: Jana Leu)

Bei einem Baustellenrundgang im Fischermätteli malt sich Marco Bizzozero aus, wie sein Reich im Fischermätteli in ein paar Monaten aussehen soll. Auf 6000 Quadratmetern will die Firma Autos reparieren und Kund*innen bedienen. Der Showroom solle «heimelig» sein, sagt Bizzozero. Hier eine Leselampe, dort ein Loungesessel. «Kunden können beim Warten auch arbeiten», so der Geschäftsführer. Das seien heute Erwartungen an eine zeitgemässe Garage. Das gesamte Interieur – vom Konzept bis zur Farbgebung – wird allerdings vom Volkswagen-Konzern vorgegeben. Wolfsburg befiehlt, Fischermätteli folgt, sozusagen. 

Noch wichtiger als die Lounge-Atmosphäre ist für Bizzozero aber etwas anderes: Im Neubau gibt es eine grosse Werkstattfläche. Und je mehr Platz vorhanden ist, Autos zu reparieren, desto mehr Geld kann das Unternehmen verdienen. Entgegen der landläufigen Meinung sei heute nicht der Verkauf von Neuwagen das Hauptstandbein des Traditionsunternehmens, sondern Reparaturdienstleistungen.

Platzbedarf entsteht auch durch die Elektromobilität. Stehe bei einem Auto mit Elektroantrieb ein Batteriewechsel an, müsse diese komplett aus dem Fahrzeug auf eine benachbarte Fläche gehoben werden, erklärt Bizzozero. Vor der Garage sollen ausserdem Ladesäulen dafür sorgen, dass keinem der «Pfuus» ausgeht.

4000 Pneus wechseln die Adresse

An diesem Tag ist es noch zugig und kalt – durch die Halle im Rohbau schallt ein ohrenbetäubender Lärm. Paletten und Zementsäcke stapeln sich. Viel Zeit bleibt nicht mehr für den Umbau des ehemaligen Logistikgebäudes. Schon in drei Monaten sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein. «Wir sind kribbelig», sagt Bizzozero zwar, blickt aber mit stoischer Ruhe auf das hektische Treiben am Bau. Zusammen mit seinem Vater Mario Bizzozero, der immer noch als Verwaltungsratspräsident im Unternehmen ist, stemmt er den Umzug. Die Krux: Bizzozeros wollen den Betrieb in der Länggasse voraussichtlich bis 31. März aufrechterhalten. «Dann ziehen wir den Stecker», sagt Bizzozero junior.

Garage Bizzozero fotografiert am Donnerstag, 4. Dezember 2025 in Bern. (VOLLTOLL / Jana Leu)
Mario Bizzozero (links) ist der Vater von Marco Bizzozero und Verwaltungsratspräsident des Unternehmens. (Bild: Jana Leu)

Maschinen und Computer würden parallel im Fischermätteli neu aufgesetzt – alte Geräte entsprechend zurückgelassen. Für den Rest werde es keinen «grossen Umzug» brauchen, sondern Schritt für Schritt Material und Unterlagen gezügelt, so der Geschäftsführer. Einzig bei den eingelagerten Pneus dürfte es ein wenig heikler werden: Insgesamt 1000 Radsätze müssen mit einem Camion von der Länggasse den Weg ins Fischermätteli finden. 

Bleiben noch die Kund*innen, Mitarbeitenden und die Familie Bizzozero selbst, die sich an die neue Adresse gewöhnen müssen. «In der Anfangsphase wird sicher noch jemand aus Versehen die Länggasse ansteuern», so Bizzozero. Jahrzehntelange Gewohnheit. Ein Eröffnungsfest im Fischermätteli werde helfen, mit dem neuen Standort warm zu werden. Was aus der Garage in der Länggasse werden soll, dafür gibt es laut Bizzozero noch keine konkreten Pläne. Sie soll vorerst im Familienbesitz bleiben – Autos verkauft und repariert werden dort aber nicht mehr. Lichterlöschen im März 2026. Das Ende einer Ära.

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