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Abstimmungsbüro – Hauptstadt-Brief #243

Samstag, 11. November 2023 – die Themen: Abstimmen; Verdingkinder; Stadtrat; Pop und Punk; Demoverbot; Eritrea; Gmüesgarte; Politisches Nachrücken. Berner Kopf der Woche: Ditaji Kambundji.

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(Bild: Marc Brunner, Buro Destruct)

Gestern Abend füllte ich meinen Stimmzettel für einmal nicht zwischen Abwasch und Altglasentsorgen aus, sondern in aller Ruhe, und vor allem: in Gesellschaft. 

Ich besuchte das «Abstimmungsbüro», wo sich Menschen mit und ohne Stimmrecht (und Stimmcouvert) gemeinsam über die Vorlagen austauschen. Der Anlass findet vor allen Abstimmungen und Wahlen statt. Er wird vom Netzwerk «Wir alle sind Bern» organisiert, das sich für die gesellschaftliche Teilhabe von Stadtbewohner*innen mit Migrationsgeschichte einsetzt. Die «Hauptstadt» hat schon einmal über das «Abstimmungsbüro» berichtet.

Bei Frühlingsrollen, Empanadas und Fruchtsaft kamen gestern etwa ein Dutzend Menschen – fast nur Frauen – im Haus der Religionen zusammen. An zwei Tischen diskutierten wir auf Deutsch, Englisch und Arabisch über die kommunalen Abstimmungen vom 19. November

Du hast selbst noch keinen Durchblick bei den Vorlagen? Dann empfehle ich dir den Kurz-Überblick der «Hauptstadt»

«3.5 Millionen für einen Spielplatz? Viel zu teuer!», sagte Wafua, Mutter von drei Kindern. Sie habe in Bern noch nie Spielplätze vermisst. Zahra, vierfache Mutter, war völlig anderer Meinung. Das Untermattquartier brauche unbedingt einen Begegnungsort. Am Schluss schwenkte Wafua um. Das Argument, dass die Stadt damit ein Grundstück in einer Wohnzone erwirbt, überzeugte sie. 

«Für den Hochwasserschutz lohnt es sich eher, Geld auszugeben als für den Spielplatz», sagte die 30-jährige Nur. Womit wir beim Budget waren: Denn angesichts der roten Zahlen würde die Stadt Bern besser gar kein Geld mehr ausgeben, fand die Mehrheit am Tisch. 

«Aber was passiert eigentlich, wenn man ein Budget ablehnt? Ändert das etwas?», fragte jemand in die Runde. Den meisten schien es vernünftig, es anzunehmen, wenn auch leicht kopfschüttelnd. Nur Zeinab, 19 Jahre alt, konnte sich nicht zu einem Ja durchringen. Sie müsse sich das nochmal überlegen. Sie macht eine Lehre bei der Stadtverwaltung. «Und ich friere im Büro, weil die Stadt sogar beim Heizen sparen muss!»

Es war das erste Mal, dass ich mir zum Abstimmen so viel Zeit nahm. Und auch, dass ich mit mir unbekannten Menschen einen Abend lang über Gemeindepolitik sprach. Mein Fazit: So lustig war Stimmzettel-Ausfüllen noch nie.

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Gelb in gelb. (Bild: Tamara Reichle)

Und jetzt noch zu anderen Themen des Tages:

  • Verdingkinder: Die Zeit der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen ist ein dunkles Kapitel in der Schweizer – und Berner – Geschichte. Bis in die 1960er-Jahre wurden Zehntausende Kinder «fremdplatziert» und erlitten dabei Ausbeutung und Misshandlungen. So auch die Mutter von Beat. Später litt Beat unter dem Leiden seiner Mutter. Meine Kollegin Lea Sidler widmet sich der Geschichte eines Betroffenen in zweiter Generation und beschreibt in ihrem Text die langanhaltenden Folgen der Verdingpraxis.
  • Stadtrat: Am Donnerstag forderte das Berner Stadtparlament eine Sensibilisierungskampagne, um Kinder in der digitalen Welt besser zu schützen – zum Beispiel vor Fotos, die vorschnell in den sozialen Medien landen. Es nahm auch eine Motion an, die alle städtischen Landwirtschaftsbetriebe auf Bio umstellen will, debattierte intensiv über Racial Profiling und hielt eine Schweigeminute ab für den kürzlich verstorbenen langjährigen Stadtrat Luzius Theiler. Meine Kollegin Marina Bolzli war vor Ort: Ihr Stadtrat-Brief liefert dir den Überblick über die ganze Sitzung
  • Pop und Punk: Die Berner Musikerin Leila legt eine steile Karriere hin. Innert kurzer Zeit konnte sie sich mit ihren Songs im internationalen Pop-Business etablieren – und bleibt dabei als Musikerin und Mensch eigensinnig und geerdet. Wie Leila Šurković Pop und Punk erfolgreich vereint, ergründet meine Kollegin Lea Sidler in ihrem Porträt der 22-Jährigen.
  • Demoverbot: Am Mittwoch gab die Stadt Bern bekannt, dass sie ab dem 17. November bis Weihnachten keine Grosskundgebungen in der Innenstadt mehr bewilligt. Der Entscheid löste Widerstand aus – so stellen sich etwa die städtischen Linksparteien dagegen. Die Alternative Linke plant eine Demonstration gegen das Demonstrationsverbot, wie sie am Donnerstag ankündigte. Weshalb das Verbot aus grundrechtlicher Sicht heikel ist, habe ich für die «Hauptstadt» in einem Kommentar beschrieben.
  • Eritrea: Am Donnerstag fand auf dem Bundesplatz eine Kundgebung von Geflüchteten aus Eritrea statt. Um einen B-Ausweis beantragen, heiraten oder ins Ausland reisen zu können, müssen Eritreer*innen bei der Botschaft einen Pass beantragen. Die Initiant*innen kritisieren diesen Zwangskontakt. Denn: Die Botschaft verlangt für den Pass eine Reueererklärung, eine Diaspora-Steuer (zwei Prozent des Einkommens) und die Preisgabe sensibler Informationen von Angehörigen in Eritrea. Die Organisator*innen haben nun bei Bund und Kantonen eine Petition zur Aufhebung der Passbeschaftungspflicht eingereicht.
  • Gmüesgarte: Der Foodsave-Laden «Gmüesgarte» schliesst seine Filiale in der Marktgasse am 2. Dezember. Das gab das Geschäft am Donnerstag bekannt. Der «Gmüesgarte» verkauft Gemüse und Obst, das den Vorgaben der Grossverteiler nicht entspricht, zu tieferen Preisen. Der zweite Laden im Monbijou-Quartier bleibt bestehen. Der Betrieb hatte schon seit längerer Zeit finanzielle Probleme. Geschäftsführerin Franziska Güder sagte bereits im Frühling zur «Hauptstadt»: «Schaut man nur die Zahlen an, hätten wir eigentlich schon vor zwei Jahren reagieren müssen.»
  • Politisches Nachrücken: Nach dem Erfolg an den nationalen Wahlen verzeichnet die Berner SVP neue Personalien. Im Grossen Rat rutschen Nils Fiechter und Kurt Zimmermann nach. Sie ersetzen die Ende Oktober in den Nationalrat gewählten Politiker Ernst Wandfluh und Thomas Knutti. Ausserdem rückt Hans Jörg Rüegsegger in den Nationalrat nach, wo er den Sitz von Werner Salzmann übernimmt, der in den Ständerat wiedergewählt wurde. Das teilte die Nachrichtenagentur Keystone-SDA am Freitag mit.

PS: Am Sonntag kannst du gleichzeitig Musik und gesprochenen Worten lauschen. Die Konzertlesung «CATO» im Berner Münster ist eine Hommage an die Deutsche Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek, die in Nazi-Deutschland hingerichtet wurde. Zu hören sind Original-Texte aus Briefen von van Beek sowie Musik des Vokalensembles «SJAELLA». 18 Uhr, Berner Münster, Eintritt auf Kollektenbasis.

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(Bild: ditaji.ch)

Berner Kopf der Woche: Ditaji Kambundji

Die Leichtathletik-Saison ist vorbei. Trotzdem räumte die Berner Hürdenläuferin in der vergangenen Woche gleich zwei Preise ab. Am letzten Samstag wurde Ditaji Kambundji zur Schweizer Leichtathletin des Jahres gekürt. Am Montag dann gleich noch zur Berner Sportlerin des Jahres 2023. 

Die Preise hat sich Kambundji mit einer hervorragenden Saison verdient: Sie holte Bronze an der Hallen-Europameisterschaft, wurde U23-Europameisterin und an den Weltmeisterschaften in Budapest belegte sie den grossartigen 7. Rang – es war ihr erster WM-Final überhaupt. Am Citius-Meeting in Bern stellte sie im August über 100 Meter Hürden einen neuen Schweizer Rekord auf – und unterbot diesen im selben Wettkampf gleich noch einmal. Damit pulverisierte sie den bisherigen Rekord aus dem Jahr 2011 um 15 Hundertstel. Mit ihrer bisher erfolgreichsten Saison hat die 21-jährige Ausnahmesportlerin den Anschluss an die Weltspitze geschafft.

2022 war es Ditajis ältere Schwester, Mujinga Kambundji, die als Berner Sportlerin des Jahres ausgezeichnet wurde.

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