Grünes Herz – «Hauptstadt»-Brief #154

Donnerstag, 30. März 2023 - die Themen: Balkonbegrünung; die Chun-Hee-Story; Brigitte Hilty; Barrierefreiheit; Psychiatrie; Sonja Ott; Stadt- und Kantonsfinanzen; Berner Kulturagenda.

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(Bild: Marc Brunner, Buro Destruct)

Sobald der Frühling Fuss fasst, drehe ich gerne mit dem Velo eine Runde nach Ottenleuenbad im Gantrischgebiet. Irgendwo unterwegs auf fast 1500 Metern über Meer steht ein Bauernhaus, auf dessen Anblick ich mich immer freue. Es wuchert und blüht üppig, über den Balkon hinab in den Garten. Da legt jemand sein oder ihr ganzes Herz in die kleine Oase.

Vor einem Jahr schrieb ich hier über das Berner Start-up Boum, das ein vollautomatisches Komplettsystem für die Begrünung städtischer Balkone erfunden hat. Zum Starter-Kit für 299 Franken gehören neben Designertopf, ausgeklügelter Samenmischung und optimiertem Bodensubstrat ein solarbetriebenes Bewässerungsystem, das über eine Handy-App gesteuert wird und mindestens zwei Wochen lang autonom funktioniert.

Ich war skeptisch, weil ich das Herz nicht spürte: Fahren wir jetzt übers Wochenende mit dem Auto ins Tessin, während zu Hause der digitale Gärtner unseren Mini-Beitrag zur Bekämpfung der Klimawandel-Folgen bewässert? 

Vor wenigen Wochen habe ich die Gründer*innen, unter ihnen der renommmierte Pflanzenwissenschaftler Matthias Erb, im Boum-Büro in der Länggasse besucht. Ich gebe zu: Ihr Macher*innen-Geist wirkte auf mich ansteckend. Im Auge haben sie nicht nur den kommerziellen Durchbruch, sondern auch die Abtemperierung der sommerlichen Hitzeinsel in der Stadt. Jede begrünte Fläche trägt ein bisschen dazu bei. Wenn schon Klimamassnahmen politisch nur schleppend vorankommen, warum nicht im Kleinen vorwärtsmachen?

Um Idee und Unternehmen bekannter zu machen, sucht Boum jetzt in einem Wettbewerb den hässlichsten Balkon überhaupt. Und wird die Sieger*innen-Veranda gratis begrünen. Ist dein Balkon rekordverdächtig wüstenartiges Ödland? Dann schicke in den nächsten Tagen ein Bild davon an die Mailadresse [email protected].

Die rot-grüne Stadt Bern fördert ja grüne Balkone schon lange und stellt ein hilfreiches Praxishandbuch zur Verfügung. Wenn Boum als privates Start-up dazu beiträgt, dass auch Menschen ohne grünen Daumen ihr Herz für eine persönliche, kleine Klimamassnahme entdecken: Da habe ich gar nichts dagegen. 

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Wassermelonen warten auf den Sommer. (Bild: Danielle Liniger)

Das möchte ich dir in den Tag mitgeben:

Gastro-Streit: Es gab einen mittleren Aufruhr in der Stadt Bern, als das legendäre Restaurant Chun Hee an der Münstergasse im Mai 2021 schloss. Aufgrund einer Lärmklage hatte der Regierungsstatthalter dem Betreiber*innen-Paar die Bewilligung für einen Teil der Aussensitzplätze entzogen. Seit letzter Woche ist nun alles wieder ordentlich geregelt, am 5. April nimmt das neue Vegi-Restaurant Zoe den Betrieb auf. Meine Kollegin Flavia von Gunten hat die zweijährige Bewilligungs-Odyssee recherchiert, die nötig war, damit im früheren Chun Hee trotz unveränderter Rechtslage wieder eine Beiz betrieben werden kann.

Dampfzentrale: Grossrätin Brigitte Hilty Haller (Grüne) wird Präsidentin des Trägervereins der Dampfzentrale, wie dieser mitteilt. Das Amt ist neu als 20-Prozent-Stelle ausgestaltet, Hilty löst Vinzenz Mathys ab und wird offiziell im Juni gewählt. Finanziell muss die Dampfzentrale eine Einbusse hinnehmen, die Stadt kürzt ihr ab 2024 die jährliche Unterstützung um 100’000 auf 2,4 Millionen Franken. Brigitte Hilty ist eine gewiefte politische Persönlichkeit. Sie war Stadträtin und präsidierte die GFL, als Alec von Graffenried sich mit Ursula Wyss (SP) ums Stadtpräsidium duellierte und das Rot-Grün-Mitte-Bündnis einem Stresstest aussetzte. Seit 2022 ist Hilty Grossrätin und Co-Präsidentin der Grünen Kanton Bern.

Inklusion: 2023 sollte der öffentliche Verkehr barrierefrei sein. So steht es im Behindertengleichstellungsgesetz. Die Realität ist jedoch ziemlich weit davon entfernt – besonders im Bahnhof Bern, der in eine Kurve gebaut ist, weshalb die Züge in Schieflage stehen, wenn die Passagiere ein- und aussteigen. Meine Kolleginnen Jana Leu und Andrea von Däniken haben Cyrill Scheuber begleitet, der mit seinem Rollstuhl jeden Tag vom Bahnhof zu seinem Arbeitsplatz im Mattenhof pendelt. Ein ziemlich barrierereicher Weg.

Psychiatrie: Die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD) bauen ihr Angebot, Kinder und Jugendliche zu Hause zu behandeln, definitiv aus. Nach einem vierjährigen Versuch schafft die UPD zehn Plätze für Kinder und Jugendliche, die für die Behandlung zu Hause bleiben können, wie die Nachrichtenagentur SDA schreibt. Damit lasse sich das gleiche medizinische Ergebnis einen Drittel günstiger erzielen.

Sonja Ott: Sie soliere mit ihrer Trompete wie eine Göttin, sagt Bandleader Büne Huber über Sonja Ott, die unter anderem bei «Patent Ochsner» spielt. Unsere Fotografin Danielle Liniger widmet der Jazz-Trompeterin ihre erste Porträtkolumne.

Finanzlage: Trotz budgetierter Defizite schlossen sowohl der Kanton wie die Stadt Bern ihre Jahresrechnungen 2022 mit Überschüssen ab. Den Finanzdirektor*innen Astrid Bärtschi (die Mitte, Kanton) und Michael Aebersold (SP, Stadt) weht nun der Wind aus unterschiedlichen Richtungen entgegen. Im Kanton mit seiner bürgerlichen Mehrheit steht eine mögliche Steuersenkung im Raum. In der rot-grünen Stadt hingegen kommt von Links-grün die Forderung, die Bremse zu lösen und entschlossen in «ernsthaften Klimaschutz» zu investieren.

Ich wünsche dir einen schönen Tag.

PS: Den gedruckten Anzeiger Region Bern gibt es nur noch bis Ende Jahr. Damit verliert die Berner Kulturagenda ihr Trägermedium. Wie geht es weiter mit dem komplettesten Veranstaltungskalender der Stadt? Wird er künftig mit den Tamedia-Zeitungen verteilt? Erstmals diskutieren Exponent*innen öffentlich darüber – morgen Freitag, 31. März, 19.30 Uhr im Progr, unter der Leitung meiner Kollegin Marina Bolzli.

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