Feiern – «Hauptstadt»-Brief #122

Samstag, 14. Januar 2023 – die Themen: Parlamentsfeiern; Fifa-Geld; Monster-Solaranlage; Schulinformatik; Gurtenbahn; Norient Festival. Berner Kopf der Woche: Urs Näpflin, OK-Chef Lauberhornrennen

Illustration zum Hauptstadt-Brief
(Bild: Marc Brunner, Büro Destruct)

Gestern Abend wagte ich einen kleinen Ausflug. Ich liess mich mich für ein paar Stunden auf die lockere Seite der lokalen Politik ein und besuchte die Feier von Tatjana Rothenbühler (FDP), der neuen Präsidentin des Könizer Parlaments. Für ein Jahr ist sie die höchste Könizerin. Rothenbühler lud nach Wabern in die Stiftung Bächtelen, die junge Menschen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt unterstützt. Die Stimmung unter den vielleicht 200 Gästen war von der ersten Sekunde an voll entspannt – natürlich auch, weil Köniz das Jahr mit abgesegnetem Budget startet.

Rothenbühler wurde von allen Fraktionen mit Reden und Geschenken bedacht. Mit den Delikatessenkörben, die sie erhielt, dürften die Familie bis weit in den Frühling mit regionaler Kost versorgt sein. Rhetorisch blitzte Dominik Feusi auf, Bundeshausjournalist beim konservativen Onlineportal Nebelspalter. Er kennt Rothenbühler seit Kindsbeinen, weil sie beide in Küssnacht an der Rigi aufgewachsen sind.

Feusi liess eine Episode aus fernen Studienzeiten aufleben, als er nach kurzer Nacht auf dem Sofa in Rothenbühlers Wohnung aufgewacht war und feststellte, dass diese ihm die Fingernägel rot lackiert hatte. Auf der Zugfahrt nach Freiburg schabte Feusi mit dem Taschenmesser angestrengt seine Nägel sauber, um sich einen peinlichen Auftritt an der Uni zu ersparen.

Die Heiterkeit an der Feier in Wabern, die Tobias Frehner, Präsident der Berner Jungfreisinnigen, launig moderierte, wirkte ansteckend auf mich. In ähnlich aufgeräumter Stimmung ging meine Kollegin Flavia von Gunten nach Hause, nachdem sie tags zuvor die Feier von Michael Hoekstra (Grünliberale) besucht hatte. Hoekstra ist neuer Präsident des Stadtrats. Durch seine Feier in der Elfenau führte Nationalrätin Aline Trede (Grüne), die sich ein Kreuzworträtsel ausgedacht hatte, um sich mit den Gästen Hoekstras Persönlichkeit zu nähern.

Natürlich, man kann solche Feiern als lokalpatriotische Unterhaltungsabende abtun. Aber bedeutet es nicht viel mehr, wenn Dutzende von Milizpolitiker*innen, die sich in ihrer Freizeit engagieren und einander in Debatten durchs Jahr hart anpacken, einen Abend lang fröhlich und friedlich zusammensitzen? Es ist eine Praxisübung in Respekt und Versöhnlichkeit. Ein kleiner, aber wichtiger Baustein für das, was wir Demokratie nennen. 

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Kühler Ort der Entspannung. (Bild: Riccardo Troia)

Und das gebe ich dir ins Wochenende mit:

Fifa-Gelder: Es ist erstaunlich, was eine von den Stadträtinnen Milena Daphinoff (Die Mitte) und Florence Schmid (JF) gestellte kleine Anfrage ausgelöst hat: Der Gemeinderat musste offenlegen, dass er in den letzten Jahren für 1,8 Milliarden Franken kurzfristige und inzwischen wieder zurückbezahlte Kredite beim Internationalen Fussballverband Fifa aufgenommen hatte. Geld der mit Korruptionsvorwürfen überhäuften Fifa für die Liquiditätssicherung der rot-grünen Stadt? Die SP und noch heftiger das Grüne Bündnis fordern sofort mehr ethische Prinzipien in der Geldbeschaffung, Thomas Fuchs (SVP) hingegen lobt im Text der «Hauptstadt» den linken Finanzdirektor Michael Aebersold für die Fifa-Kredite.

Solaroffensive: Auf dem Areal des Flughafens Bern im Belpmoos soll neben den Pisten eine riesige Solaranlage entstehen. Der Energiekonzern BKW und der Flughafen wollen eine gemeinsame Firma gründen, die den Solarpark bauen und betreiben soll, schreiben sie in einer Mitteilung. Die Investitionskosten betragen laut BKW und Flughafen rund 30 Millionen Franken. Ins Netz sollen pro Jahr 35 Gigawattstunden Strom fliessen, womit man laut den Promotor*innen 15’000 Haushalte versorgen könnte. Der Winterstromanteil betrage 30 Prozent. Die technische Machbarkeit sei geprüft, nun beginnt der Bewilligungsprozess. Die Behörden von Belp sowie Stadt und Kanton Bern signalisieren Unterstützung.

Schulinformatik: Das Stadtparlament bewilligte am Donnerstag einen Kredit von fast 4 Millionen Franken für die Schulinformatik. Damit sollen die 9000 bisher geleasten iPads gekauft und die Weiterentwicklung der Schulinformatik vorangetrieben werden. Obschon der Rat das Geld mit 68 Ja- zu 4 Nein-Stimmen deutlich bewilligte, kamen ungute Gefühle zur Sprache. Mehrere Redner*innen mahnten an, dass die Stadt in Zukunft von «Leuchtturmprojekten» in der Informatik absehen solle. Sie spielten auf das Debakel um die 2018 eingeführte Plattform «Base4kids» an. Die zuständige Gemeinderätin Franziska Teuscher (GB) gab zu bedenken, dass die Schulinformatik «eine Daueraufgabe» sei und die Ansprüche der Nutzer*innen steigen würden – was sich auch in den Kosten niederschlagen dürfte.

Gurtenbahn: Die Standseilbahn auf den Gurten steht in einem Jahr mehrere Monate lang still. Von Januar bis Mai 2024 wird sie für rund 10 Millionen Franken erneuert, wie die Nachrichtenagentur sda schreibt. Die Bahn soll mit neuen Fahrzeugen ausgerüstet werden, zudem wird die Talstation so umgebaut, dass die Züge hindernisfrei erreichbar sind. Während der Umbauzeit verkehren Ersatzbusse auf den Gurten.

ein entspanntes Wochenende wünscht

Jürg Steiner

PS: Horizonterweiterung gefällig? Andere Töne hören, die Welt mit anderen Augen anschauen? Das Norient Festival für Film und Musik, das noch bis morgen Sonntag im Progr und anderen Kulturräumen und Kinos der Stadt stattfindet, bietet genau das. Wie es sich anfühlt, am Norient Festival unterwegs zu sein, hat meine Kollegin Jana Leu ausprobiert und sich drei Filme angeschaut. Lass dich erheitern!

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(Bild: zvg)

Berner Kopf der Woche: Urs Näpflin

Es gibt Menschen, bei denen man sich fragt, wie viele Aufgaben sie in ihr Leben packen können. Urs Näpflin (63) gehört zweifellos dazu. Er lebt mit seiner Freu in Zimmerwald bei Bern und ist Geschäftsführer einer Berner Baufirma. Bekannt ist er als OK-Präsident der Lauberhorn-Skirennen, die dieses Wochenende in Wengen stattfinden. Wobei OK-Präsident ein bisschen tönt wie eine nicht allzu heftige Feierabend-Beschäftigung.

In Tat und Wahrheit dirigiert Näpflin als ehrenamtlicher Vorsitzender des ausschliesslich männlichen Lauberhorn-OKs ein KMU mit einem Budget von über 8 Millionen Franken und mit einem Team, das während der drei Renntage auf über 1000 Mitarbeitende anwächst. Ultimativer Zweck seines Jobs ist die Herrichtung einer perfekten Piste von der Lauberhornschulter hinunter nach Innerwengen, und da hat Näpflin mächtige Gegner: Der heftige Guggiföhn kann die Lauberhornrennen im Winde verwehen. Und die Klimaerwärmung macht seinen Job auch zu einem Kampf gegen das Unvermeidliche.

Näpflin, einst selber Rennfahrer, der aber an Knieverletzungen scheiterte, ist mit dem Lauberhorn quasi verwachsen. Sein Vater war Abschnittschef am Hundschopf, wo auch der junge Urs schon Hand anlegte. Später stieg Näpflin zum Rennleiter auf, ehe er 2015 das OK-Präsidium übernahm. Näpflin ist zwar in Wengen aufgewachsen, im Bergdorf zu leben, wäre ihm zu eng, wie er in Interviews sagte. Doch seine Verbundenheit mit dem Lauberhornrennen ist tief. Sofern es seine Gesundheit zulasse, wolle er 2030 beim 100-Jahr-Jubiläum zum letzten Mal als OK-Präsident dabeisein, erklärte Näpflin.

Er werde nur bei Dingen nervös, die er selber auch beeinflussen könne, sagte Näpflin einmal. Kein schlechtes Prinzip, um gelassen zu bleiben.

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