Die Linke, die es mit allen kann
«Hauptstadt»-Wahl-Check: Die Grüne Aline Trede (42) hat wenig Erfahrung in der kantonalen Politik. Doch sie ist sehr bekannt. Und unkonventionell. Unklar ist, ob ihr das ausserhalb der Stadt hilft.
Als Aline Trede Anfang Februar an einem Regierungsratspodium der Waldbesitzer*innen teilnahm, wurde sie auffallend oft von Podiumsleiter Ernst Wandfluh (SVP) angezündet. Beide lachten darüber. Sie kennen sich aus dem Nationalrat, wo sie beide sitzen. Und sie schätzen sich offensichtlich trotz grosser politischer Differenzen.
Es ist bezeichnend für die Politikerin Aline Trede (42), die seit 2013 (mit einem Unterbruch zwischen 2015 und 2018) im Nationalrat sitzt. Sie ist sehr zugänglich, sie kann mit allen – auch Parteikolleg*innen – hart diskutieren und lachen, ihr fällt immer ein Spruch ein. Und trotzdem macht sie nicht den Eindruck, sich anzubiedern.
Partei: Grüne
Alter: 42
Wohnort: Bern
Zivilstand: geschieden, 2 Kinder
Interessenbindungen: Vorstand Schweizerischer Fussballverband, Co-Präsidentin von Der Gewerbeverein (Verband für «progressive und nachhaltig wirtschaftende Unternehmen»)
Von aussen betrachtet ist Aline Trede in vielem das Gegenteil aller anderen Kandidierenden: Sie ist nicht bemüht, es allen recht zu machen. In dieser unbekümmerten Haltung sticht sie hervor. Sie sagt offen, dass sie den Kanton Bern verändern wolle. Dass man bezüglich Klima- und Sozialpolitik vorwärts machen müsse. «Bern ist so ein Chancenkanton – und dann nörgeln alle nur herum», sagt sie.
Auch an ihr wird herumgenörgelt, wobei sie im Unterschied zu vielen Politiker*innen Kritik seit jeher sportlich nimmt. Seit Wochen hält sich hartnäckig das Narrativ, dass sie die linkste Parlamentarierin der Schweiz sei. Das ist auf eine Auswertung der NZZ im letzten Dezember zurückzuführen, die den Titel trug: «Niemand politisiert weiter links als Aline Trede».
Allerdings wird die Aussage im Artikel selbst relativiert, denn die nationalen grünen Parlamentarier*innen unterscheiden sich laut der Analyse nur geringfügig voneinander. Klar ist einzig, dass Aline Trede am wenigsten oft mit dem rechtesten Politiker, Erich Hess (SVP), gleich abgestimmt hat. Mit dem Narrativ der linksten Politikerin wird jetzt allerdings im bürgerlichen Kanton Bern Wahlkampf gemacht. Und das lässt die grüne Partei bibbern.
Was muss eine Person können, um gut zu regieren? Die «Hauptstadt» hat anlässlich der Regierungsratswahlen zehn Schlüsselkompetenzen definiert. Diese Anforderungen würden in einem Job-Inserat aufgeführt, wenn es denn eine Stellenausschreibung für dieses Amt gäbe. Die genaue Definition und Erklärung zu diesen Kompetenzen kannst du hier nachlesen.
Was davon erfüllt die grüne Kandidatin Aline Trede?
Bringt mit: Sprachen, Ausstrahlung, Geselligkeit, Bereitschaft, hinzustehen, schnelle Auffassungsgabe, Wille zu Veränderungen
Daran haperts: Nähe zum Parlament, taktisches Geschick
Unklar: Belastbarkeit
Schliesslich gilt es bei diesen Wahlen den Angriff der SVP abzuwehren, die den Linken einen ihrer drei Sitze abluchsen will – und da steht Aline Trede mehr unter Druck als die beiden SP-Kandidat*innen Evi Allemann (bisher) und Reto Müller (neu). Die national bekannte Politikerin muss punkten – vor allem auch im konservativen ländlichen Teil des Kantons. Dort ist sie eigentlich gut vernetzt, denn sie hat schon viele Wahlkämpfe geführt. Sie ist sich nicht zu schade, an Anlässe auch in entlegene Gemeinden im weitläufigen Kanton zu reisen.
Dabei ist Trede ein richtiges Stadtkind, aufgewachsen in Bern. Studiert hat sie an der ETH Zürich (Umweltwissenschaften). Bald wurde sie bekannt durch die Stopp-Offroader-Initiative, die 2008 von den Jungen Grünen eingereicht wurde. Ab 2009 sass sie im Berner Stadtrat, übersprang dann allerdings den Grossen Rat und rutschte 2013 als 30-Jährige direkt in den Nationalrat nach. Seit fünf Jahren präsidiert sie die Bundeshaus-Fraktion der Grünen. Daneben ist sie Partnerin in dem von ihr mitgegründeten Kommunikationsbüro Albatros.
In der Position als Fraktionspräsidentin sammelte sie in den letzten Jahren Führungserfahrung. Kritiker*innen monieren allerdings, dass sie zuweilen zu wenig vorausplane und zu chaotisch sei. Dieses leicht Unorganisierte, das ihr anhaftet, wird auch eine Herausforderung sein, sollte sie Regierungsrätin werden.
Und dort wird ihr Veränderungswille schon zum ersten Mal an seine Grenzen stossen, weil es wichtig ist, dass Chefbeamt*innen nicht gegen einen arbeiten. Wobei sie ja auch in der Vergangenheit schon gezeigt hat, dass sie mit allen kann.
Am 29. März wählen die Stimmberechtigten des Kantons Bern den siebenköpfigen Regierungsrat und den 160-köpfigen Grossen Rat für die nächste vierjährige Legislatur. Für die Regierung kandidieren 16 Personen, ernsthafte Chancen auf eine Wahl haben die zehn Personen aus den grössten Parteien. Das sind die Bisherigen Pierre Alain Schnegg (SVP), Philippe Müller (FDP), Astrid Bärtschi (Mitte) und Evi Allemann (SP) sowie die neu kandidierenden Daniel Bichsel (SVP), Raphael Lanz (SVP), Aline Trede (Grüne), Reto Müller (SP), Hervé Gullotti (SP) sowie Tobias Vögeli (GLP).
Die «Hauptstadt» schätzt in den kommenden Wochen jede*n dieser Kandidat*innen aufgrund des von der «Hauptstadt»-Redaktion recherchierten Stellenprofils ein. Bereits erschienen sind mehrere solcher Porträts. Etwa über Pierre Alain Schnegg, Tobias Vögeli, Daniel Bichsel, Philippe Müller, Evi Allemann, Raphael Lanz
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