Der frankophone Kämpfer
«Hauptstadt»-Wahl-Check: Hervé Gullotti (53, SP), Gemeindepräsident von Tramelan, will künftig in Bern regieren. Er führt einen engagierten, aber auch heiteren Wahlkampf für seinen Traum, dass erstmals zwei Romands in der Kantonsregierung sitzen.
Hervé Gullotti ist keiner, der ungefragt einen Wortschwall von sich gibt. Aber er kann so reden, dass selbst Menschen, die nicht seiner Weltanschauung sind, in Heiterkeit ausbrechen. So geschehen am traditionellen «Suurchabis Obe» der Bieler SVP im Januar, an dem er als Gastredner eingeladen war.
Gullotti hatte laut dem Berichterstatter des «Bieler Tagblatts» die Anwesenden nach wenigen Minuten im Sack. Er trug Schwingerhosen und erzählte selbstironisch von einem Traum, in dem er plötzlich als SVPler durchs Leben ging und verzweifelt seinen SP-Parteiausweis suchte. Der ebenfalls anwesende SVP-Bundesrat Albert Rösti begeisterte sich derart, dass er Gullotti bei den Wahlen den sechsten Platz hinter den fünf Bürgerlichen wünschte – und damit den Einzug in die Kantonsregierung.
Partei: SP
Alter: 53
Wohnort: Tramelan
Zivilstand: verheiratet, zwei Kinder
Interessenbindungen: Gehört der Freikirche der Mennoniten an
Was ihm Rösti zutraut, entspricht ziemlich genau Gullottis Traum. Denn er führt eigentlich zwei Wahlkämpfe. Einerseits fordert Gullotti den Bisherigen Pierre Alain Schnegg (SVP) heraus bei der Besetzung des verfassungsmässig garantierten Jurasitzes in der Kantonsregierung.
Für diesen einen der sieben Regierungssitze kommen nur Menschen in Frage, die französischsprachig sind und im Berner Jura leben. Die Stimmen werden nach einer komplizierten Formel berechnet (siehe Box). Schnegg als Bisheriger ist beim Jura-Sitz kaum zu schlagen, das sieht auch Gullotti so. Er versteht sich fast schon bescheiden als «rot-grüne Alternative» zum amtierenden Gesundheitsdirektor, den er persönlich gut möge, wie er sagt.
Jura-Sitz bedeutet, dass eine*r der sieben Regierungsrät*innen eine französischsprachige Person aus dem Verwaltungskreis Berner Jura sein muss. Wer diesen Sitz holt, wird mit einer eigenen mathematischen Formel berechnet: Die Stimmen, die Kandidierende im Berner Jura holen, werden mit den Stimmen multipliziert, die sie im Gesamtkanton machen. Daraus wird anschliessend die Wurzel gezogen.
Diese Berechnungsmethode führt dazu, dass die Stimmen aus dem Jura für diesen Sitz ein viel höheres Gewicht haben. Es kann sein, dass ein Kandidat im gesamten Kanton mehr Stimmen macht als die Konkurrenz, den Sitz aber doch nicht erhält, weil der Rückstand im Kanton Jura zu gross ist. Genau das ist 2014 dem heutigen SVP-Präsidenten Manfred Bühler passiert, als er gegen Philippe Perrenoud (SP) verlor.
Aber Hervé Gullotti hat noch einen zweiten Plan. Er könnte so viele Stimmen machen, dass er – wie von Albert Rösti suggeriert – zusätzlich zu Schnegg als zweiter Romand gewählt würde. Gemäss der von Gassmann Medien und der «Hauptstadt» publizierten Wahlumfrage von GFS Bern ist das nicht völlig ausgeschlossen: Hervé Gullotti liegt so knapp hinter seinen Konkurrent*innen, dass er den Rückstand bis am 29. März aufholen könnte – möglicherweise allerdings auf Kosten seines Parteikollegen Reto Müller. «Ich kämpfe nicht gegen jemanden, sondern dafür, dass Rot-Grün die Mehrheit in der Regierung erreicht», sagt Gullotti dazu.
Was ihn aber darüber hinaus begeistern würde, wären zwei Frankophone in der Berner Regierung. Für ihn wäre das angesichts der rund 80’000 französischsprachigen Menschen im Kanton Bern keine Übervertretung. «Auch die Romands im Kanton Bern sind sehr divers», sagt er, «das müssen wir in der Regierung abbilden.» Er selber hat städtische Wurzeln, weil er in Biel aufgewachsen ist, in Tramelan lebt er in der Peripherie.
Was muss eine Person können, um gut zu regieren? Die «Hauptstadt» hat anlässlich der Regierungsratswahlen zehn Schlüsselkompetenzen definiert. Diese Anforderungen würden in einem Job-Inserat aufgeführt, wenn es denn eine Stellenausschreibung für dieses Amt gäbe. Die genaue Definition und Erklärung zu diesen Kompetenzen kannst du hier nachlesen.
Was davon erfüllt SP-Kandidat Hervé Gullotti?
Bringt mit: Sprachen, Ausstrahlung, schnelle Auffassungsgabe, Wille zu Veränderungen, gutes Gefühl für Menschen
Daran haperts: Taktisches Geschick
Unklar: Belastbarkeit, Bereitschaft, hinzustehen
Die Frage aber ist: Hat der zweisprachige Hervé Gullotti den Rucksack für ein Regierungsamt in Bern? Er ist Historiker und arbeitet als Co-Direktor des französischsprachigen Berufsbildungszentrums ceff in St. Imier. Gullotti sass von 2017 bis 2024 im Grossen Rat, präsidierte 2021/22 das Kantonsparlament und ist deshalb breit vernetzt. Zum Vergleich: Der amtierende SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg war erst drei Jahre in der Partei, ehe er bereits Regierungsrat wurde.
Gullotti hat sogar Exekutiverfahrung: Er ist seit 2023 Gemeindepräsident von Tramelan, wo er zuvor Gemeindeschreiber war. «Hier bin ich sehr nahe bei den Menschen», sagt Gullotti, «es ist nicht das Amt, um Ideologien nachzuleben, sondern um Lösungen zu suchen.» Dieser Pragmatismus, den Gullotti im Lokalen praktiziert, mache aus ihm auch darüber hinaus einen Brückenbauer, sagen Menschen, die mit ihm zu tun haben.
Gullotti führt, auch auf Social Media, einen sehr engagierten Wahlkampf. Was es bringt, ist unberechenbar. Erstmals wird sich am 29. März zeigen, wie die politischen Verhältnisse im Berner Jura liegen, wenn mit dem tendenziell linken Moutier die grösste Stadt nicht mehr dabei ist. Es sei sicher so, dass die Linke den Abgang von Moutier spüren werde, sagt Gullotti. Dafür sei sie geeinter als zuvor. Und was man nicht unterschätzen dürfe: Auch die SVP verliere mit den Berntreuen aus Moutier viele Wähler*innen.
Am 29. März wählen die Stimmberechtigten des Kantons Bern den siebenköpfigen Regierungsrat und den 160-köpfigen Grossen Rat für die nächste vierjährige Legislatur. Für die Regierung kandidieren 16 Personen, ernsthafte Chancen auf eine Wahl haben die zehn Personen aus den grössten Parteien. Das sind die Bisherigen Pierre Alain Schnegg (SVP), Philippe Müller (FDP), Astrid Bärtschi (Mitte) und Evi Allemann (SP) sowie die neu kandidierenden Daniel Bichsel (SVP), Raphael Lanz (SVP), Aline Trede (Grüne), Reto Müller (SP), Hervé Gullotti (SP) sowie Tobias Vögeli (GLP).
Die «Hauptstadt» schätzt in den kommenden Wochen jede*n dieser Kandidat*innen aufgrund des von der «Hauptstadt»-Redaktion recherchierten Stellenprofils ein. Bereits erschienen sind mehrere solcher Porträts. Etwa über Evi Allemann, Pierre Alain Schnegg, Tobias Vögeli, Daniel Bichsel, Philippe Müller, Aline Trede, Raphael Lanz, Reto Müller
Die Linke, die es mit allen kann
Für die Frauen sieht es sehr gut aus
Gesucht: Mitglied des Regierungsrats (m/f/any), 100 %
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